Rumgeschlaue über Web und die Welt

Stuttgart 21: CDU-Bundestagsabgeordnete verhöhnt Opfer

Die Stuttgarter CDU-Bundestagsabgeordnete Karin Maag verhöhnt die Opfer der Polizeiübergriffe vom letzten Donnerstag, sie sagte wörtlich:

Bilder können auch machtvoll sein und vor allen Dingen auch eine manipulierende Wirkung entfalten. Wer das Bild dieses älteren Mannes gesehen hat, der mit blutenden Augen weggeführt wurde, anschliessend den selben Mann sieht, wie er sich offenbar absichtlich mit nackter Brust und ausgebreiteten Armen vor den Wasserwerfer stellt und nun liesst, er habe andere schützen wollen, der lernt eines – nämlich auf eine saubere Aufarbeitung der Ereignisse zu warten.

Aha. Alles nur Medien-Manipulation. Sicher. Dumm nur, dass heutzutage fast jeder immer einen Fotoapparat oder sogar eine Videokamera bei sich führt – auch Demonstranten – und man auf möglicherweise von der Politik manipulierte Medien gar nicht mehr angewiesen ist. Ich empfehle einen Blick ins Web, Youtube voran. Oder man frage den Richter, der eindeutig bezeugt hat, dass sich die Polizeigewalt auch gegen abseits Stehende richtete (ich verlinke die WELT [oder die BLÖD] nicht gerne, mache aber mal eine Ausnahme…).

Netter Versuch, Frau Maag, leider etwas offensichtlich. Man könnte auch unverschämt sagen. Oder dreist.

Von der menschlichen Komponente, wie hier der bis an sein Lebensende geschädigte Mann in entwürdigender Weise zum Täter gemacht werden soll und Opfer politischer Lügen wird, wollen wir gar nicht reden. Wer Verletzte in dieser Art instrumentalisiert und sich in dieser Art auf niedrigstes Niveau begibt sollte sich was schämen und hat im Bundestag, als Repräsentant einer Demokratie, nichts zu suchen!

Was Manipulation angeht: Es ist inzwischen ein offenes Geheimnis, dass CDU, Bahn und Co. offenbar im Internet massive Manipulationen versuchen, Astroturfing betreiben, Provokateure in die Reihen der Gegner einschleusen und die Pro-Fraktion unterstützen. Wenn sie meinen, dass das hilft…

[Update] Lobbycontrol bestätigt Verwicklung von CDU und Bahn [/Update]

Bild: Entschuldigung für den Grusel (nein, es ist noch nicht Hallowe’en), aber man sollte wissen, wie die aussieht; Karin Maag, aus der Wikipedia, CC-Lizenz

Spenden an deutsche Parteien

Gregor Aisch hat eine tolle Visualisierung der Spenden über 50000 Euro an Parteien seit dem Jahr 2002 online gestellt. Da wird interaktiv gezeigt, wer wieviel an wen gespendet hat, man kann sich das nach Parteien aber auch nach Spendern ansehen. Die Allianz beispielsweise schaufelt das Geld mit beiden Händen in Richtung der “großen” Parteien. Kein Wunder also, dass gegen zweifelhafte Praktiken der Versicherer nicht vorgegangen wird…

Interessant (wenn auch nicht wirklich unerwartet) auch die Tatsache, dass die Wirtschaft die mit Abstand meiste Kohle an CDU/CSU verschenkt, nämlich seit 2002 mehr als 21 Millionen Euro. Dagegen sehen die 3,7 Millionen an die SPD aus wie Brosamen – die Armen, wahrscheinlich nur noch Sekt statt Champagner bei den Sitzungen.

Die Daten stammen aus Veröffentlichungen des Bundestags, sind also keineswegs erfunden.

Abbildung: Bildschirmfoto Visualisierung, Visualisierung Copyright Gregor Aisch.

p.s.: “Parteispenden an deutsche Parteien” – manchmal schreibe ich einen stilistischen Mist… Verbessert! :o)

“Tatort Internet” – Kinderschänderjagd auf RTL2

Ich muss hier mal einen Artikel von netzpolitik.org wiedergeben, weil mir zu sehr die Worte fehlen, um selbst was dazu zu schreiben (der Artikel steht unter CC-Lizenz)…

Los geht’s:

Stephanie zu Guttenberg, erklärte Freundin von Netzsperren und Gattin des Herrn von und zu Verteidigungsminister startet heute auf RTL II zur Prime Time mit ihrer neuen Sendung “Tatort Internet – Schützt endlich unsere Kinder”. Die als Magazin bezeichnete Sendung sollte eigentlich wohl am kommenden Montag starten. Den gleichlautenden Titel des aktuellen Stern nimmt man nun zum Anlass, die Sendung vorzuverlegen.

Angelehnt ist das Format an NBCs “To catch a Predator“, bei der mit versteckter Kamera Menschen die sich fiktiven Minderjährigen über das Internet sexuell annähern wollten “erwischt”, angeprangert und verhaftet wurden. Weil ich vor Fassungslosigkeit keinen geraden Satz formulieren kann, zitiere ich die wahlweise enorm lächerliche bzw. besorgniserregend euphorische Ankündigung bei DWDL.de:

Doch die Sendung setzt nicht nur auf Effekthascherei. Das Ziel von “Tatort Internet” ist eine Gesetzesänderung, damit nicht nur der tatsächliche Kindesmissbrauch sondern auch die unsittliche Annäherung über das Internet, das sogenannte Cyber-Grooming, unter Strafe gestellt werden kann. Eine Absicht, die auch Minister-Gattin Stephanie zu Guttenberg mit dem von ihr unterstützten Verein “Innocence in Danger” verfolgt.

Außerdem wird Udo Nagel, ehemaliger Hamburger (!) Innensenator die Sendung mit gestalten. Bei RTL II beabsichtigt man mit der Sendung durch gesellschaftliches Engagement und die Beschäftigung einer hochqualitativen Produktionsfirma sein Image aufzubessern (kein Scheiß!).

[Update] Twister auf Telepolis zum Thema, Stichwort: “Widerlich”

[Update 2] Man könnte darüber nachdenken, zu einem RTL2-Boykott aufzurufen, aber ob das die Couch-Potatoes erreicht?

Indiana Grube und das Ticket des Todes

IT-(Groß-)Projekte, die durch staatsnahe – oder staatliche – Firmen durchgeführt werden, sind ein ständiger Quell der Freude. Ich erinnere nur an das Desaster mit der Arbeitsamt-Software A2LL oder an die endlosen Späße mit der LKW-Maut.

Die Deutsche Bahn kam jetzt offenbar auf den Trichter, dass ihre Fahrscheinautomaten einer Überarbeitung bedürfen. Was mich ehrlich gesagt verwundert, denn nach langen Jahren der Unbedienbarkeit war die letzte Generation der Touchscreen-Klötze endlich halbwegs brauchbar und man fand das Gewünschte relativ einfach – grundlegende Technikkenntnisse vorausgesetzt, beispielsweise das Bedienen des TV-Netzschalters.

Doch die Entscheider der Bahn in ihrer unendlichen Weisheit beschlossen (möglicherweise nach dem hastigen Genuß einer völlig überteuerten Flasche Leberkleister in einem Bordbistro), dass das einfacher sein müsste und betrauten irgendwelche GUI-Designer und Programmierer mit einer Überarbeitung der Software. Jeder der in dem Bereich tätig ist, kennt das geflügelte Wort “never change a running system”.

Heute war das (neudeutsch) “roll out” (das sich allerdings noch über Wochen hinziehen soll), das bedeutet seit heute stehen die Bahnkunden vor den alten Automaten mit der neuen Software und ziehen lange Gesichter. Es kommt zu deutlichen Wartezeiten, weil diese neue Software – die doch viiiiel besser sein sollte – nach Aussagen auch erfahrener, technikaffiner Bahnfahrer deutlich undurchschaubarer ist als die vorherige. Erschwerend kommt hinzu, dass die neuen Programme offenbar zu Abstürzen neigen. Und schlussendlich sollten angeblich an den Automaten Berater eingesetzt werden, um die verzweifelten Ticketzieher zu unterstützen, aber von denen ist aber leider allzu oft nichts zu sehen.

DB-Fernverkehr-Sprecher Holger Auferkamp: “Ziel ist es, dass die Kunden mit deutlich weniger Klicks zum Ziel kommen.” Muhaha!

Man möge mir mein Feixen vergeben – aber eine Deutsche Bahn, die noch nicht einmal etwas vergleichsweise Triviales wie eine neue Software für Ticket-Automaten gestemmt bekommt, will uns tatsächlich verkaufen, ein Milliardenprojekt wie Stuttgart 21 ohne Probleme abwickeln zu können?

Bitte hysterisches Kichern einblenden…

Bild: Fahrkartenautomat der DB, aus der Wikipedia, CC-Lizenz