»Tatort Internet« — Kinderschänderjagd auf RTL2

Ich muss hier mal einen Arti­kel von netzpolitik.org wie­der­ge­ben, weil mir zu sehr die Worte feh­len, um selbst was dazu zu schrei­ben (der Arti­kel steht unter CC-Lizenz)…

Los geht’s:

Ste­pha­nie zu Gut­ten­berg, erklärte Freun­din von Netz­sper­ren und Gat­tin des Herrn von und zu Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter star­tet heute auf RTL II zur Prime Time mit ihrer neuen Sen­dung “Tat­ort Inter­net – Schützt end­lich unsere Kin­der”. Die als Maga­zin bezeich­nete Sen­dung sollte eigent­lich wohl am kom­men­den Mon­tag star­ten. Den gleich­lau­ten­den Titel des aktu­el­len Stern nimmt man nun zum Anlass, die Sen­dung vor­zu­ver­le­gen.

Ange­lehnt ist das For­mat an NBCs “To catch a Pre­da­tor“, bei der mit ver­steck­ter Kamera Men­schen die sich fik­ti­ven Min­der­jäh­ri­gen über das Inter­net sexu­ell annä­hern woll­ten “erwischt”, ange­pran­gert und ver­haf­tet wur­den. Weil ich vor Fas­sungs­lo­sig­keit kei­nen gera­den Satz for­mu­lie­ren kann, zitiere ich die wahl­weise enorm lächer­li­che bzw. besorg­nis­er­re­gend eupho­ri­sche Ankün­di­gung bei DWDL.de:

Doch die Sen­dung setzt nicht nur auf Effekt­ha­sche­rei. Das Ziel von “Tat­ort Inter­net” ist eine Geset­zes­än­de­rung, damit nicht nur der tat­säch­li­che Kin­des­miss­brauch son­dern auch die unsitt­li­che Annä­he­rung über das Inter­net, das soge­nannte Cyber-Grooming, unter Strafe gestellt wer­den kann. Eine Absicht, die auch Minister-Gattin Ste­pha­nie zu Gut­ten­berg mit dem von ihr unter­stütz­ten Ver­ein “Inno­cence in Dan­ger” verfolgt.

Außer­dem wird Udo Nagel, ehe­ma­li­ger Ham­bur­ger (!) Innen­se­na­tor die Sen­dung mit gestal­ten. Bei RTL II beab­sich­tigt man mit der Sen­dung durch gesell­schaft­li­ches Enga­ge­ment und die Beschäf­ti­gung einer hoch­qua­li­ta­ti­ven Pro­duk­ti­ons­firma sein Image auf­zu­bes­sern (kein Scheiß!).

[Update] Twis­ter auf Tele­po­lis zum Thema, Stich­wort: »Widerlich«

[Update 2] Man könnte dar­über nach­den­ken, zu einem RTL2-Boykott auf­zu­ru­fen, aber ob das die Couch-Potatoes erreicht?

Indiana Grube und das Ticket des Todes

IT-(Groß-)Projekte, die durch staats­nahe — oder staat­li­che — Fir­men durch­ge­führt wer­den, sind ein stän­di­ger Quell der Freude. Ich erin­nere nur an das Desas­ter mit der Arbeitsamt-Software A2LL oder an die end­lo­sen Späße mit der LKW-Maut.

Die Deut­sche Bahn kam jetzt offen­bar auf den Trich­ter, dass ihre Fahr­schein­au­to­ma­ten einer Über­ar­bei­tung bedür­fen. Was mich ehr­lich gesagt ver­wun­dert, denn nach lan­gen Jah­ren der Unbe­dien­bar­keit war die letzte Gene­ra­tion der Touchscreen-Klötze end­lich halb­wegs brauch­bar und man fand das Gewünschte rela­tiv ein­fach — grund­le­gende Tech­nik­kennt­nisse vor­aus­ge­setzt, bei­spiels­weise das Bedie­nen des TV-Netzschalters.

Doch die Ent­schei­der der Bahn in ihrer unend­li­chen Weis­heit beschlos­sen (mög­li­cher­weise nach dem has­ti­gen Genuß einer völ­lig über­teu­er­ten Fla­sche Leber­kleis­ter in einem Bord­bis­tro), dass das ein­fa­cher sein müsste und betrau­ten irgend­wel­che GUI-Designer und Pro­gram­mie­rer mit einer Über­ar­bei­tung der Soft­ware. Jeder der in dem Bereich tätig ist, kennt das geflü­gelte Wort »never change a run­ning system«.

Heute war das (neu­deutsch) »roll out« (das sich aller­dings noch über Wochen hin­zie­hen soll), das bedeu­tet seit heute ste­hen die Bahn­kun­den vor den alten Auto­ma­ten mit der neuen Soft­ware und zie­hen lange Gesich­ter. Es kommt zu deut­li­chen War­te­zei­ten, weil diese neue Soft­ware — die doch viiiiel bes­ser sein sollte — nach Aus­sa­gen auch erfah­re­ner, tech­ni­kaf­fi­ner Bahn­fah­rer deut­lich undurch­schau­ba­rer ist als die vor­he­rige. Erschwe­rend kommt hinzu, dass die neuen Pro­gramme offen­bar zu Abstür­zen nei­gen. Und schluss­end­lich soll­ten angeb­lich an den Auto­ma­ten Bera­ter ein­ge­setzt wer­den, um die ver­zwei­fel­ten Ticket­zie­her zu unter­stüt­zen, aber von denen ist aber lei­der allzu oft nichts zu sehen.

DB-Fernverkehr-Sprecher Hol­ger Auf­er­kamp: »Ziel ist es, dass die Kun­den mit deut­lich weni­ger Klicks zum Ziel kom­men.« Muhaha!

Man möge mir mein Fei­xen ver­ge­ben — aber eine Deut­sche Bahn, die noch nicht ein­mal etwas ver­gleichs­weise Tri­via­les wie eine neue Soft­ware für Ticket-Automaten gestemmt bekommt, will uns tat­säch­lich ver­kau­fen, ein Mil­li­ar­den­pro­jekt wie Stutt­gart 21 ohne Pro­bleme abwi­ckeln zu können?

Bitte hys­te­ri­sches Kichern einblenden…

Bild: Fahr­kar­ten­au­to­mat der DB, aus der Wiki­pe­dia, CC-Lizenz